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Partnersuche Generation 60+

„Einsamkeit ist für sie keine Option.“

Für die Liebe ist es nie zu spät. Das Alter bringt sogar Vorteile, sagt Autorin Hanne Huntemann.

huntemann
Die freie Journalistin Hanne Huntemann  ist Mitautorin des Buches „Liebe auf den späten Blick – Partnersuche 60+“.

Frau Huntemann, ist es jemals zu spät für eine neue Liebe?

Hanne Huntemann: Wieso sollte es jemals zu spät sein? Die Sehnsucht nach Nähe und Zärtlichkeit hört doch nicht auf, nur weil man 60, 70, vielleicht sogar 90 ist. In der heutigen Zeit sind die Chancen groß, sich diese Sehnsucht auch noch in späten Jahren zu erfüllen. Das ist die gute Botschaft für die jüngere Generation: Macht euch keinen Kopf, wenn ihr in der Mitte des Lebens den ultimativen Partner noch nicht gefunden habt. Vielleicht kommt das große Glück ja erst im Rentenalter. Angela Joschko und ich haben für die Recherche zu unserem Buch „Liebe auf den späten Blick – Partnersuche 60+“ jedenfalls viele Frauen und Männer auch im hohen Alter getroffen, die noch einmal eine große Liebe gefunden haben. Mit allem, was dazugehört. Und das Tolle daran war, dass uns fast alle sagten: Eine solche Intensität hatte ich noch nie.

Was unterscheidet die heutige Generation 60+ in Sachen Partnersuche von der vor 20, 30 Jahren?

Huntemann: Inzwischen hat eine ganz neue Generation das Rentenalter erreicht, die jünger denkt und fühlt als ihre Eltern und Großeltern. Die Leute sind agiler und selbstbewusster, studieren vielleicht nochmal, kehren auch im Ruhestand der Arbeitswelt nicht ganz den Rücken. Nur Oma und Opa zu sein, ist ihnen zu wenig, Einsamkeit ist für sie keine Option. Kurzum: Sie sind hungrig nach Leben. Es ist eine Generation, die die Zeit der 68er mitgeprägt hat und für einen gesellschaftlichen Umbruch auf die Straße gegangen ist. Das sind natürlich Leute, die mit einem ganz anderen Selbstverständnis auf die Suche gehen, denn warum sollten sie sich den Wunsch nach Partnerschaft versagen? Nur weil sie nicht mehr jung sind? In den Gesprächen mit „späten“ Paaren habe ich häufig gehört, dass sie erst jetzt im Alter bereit waren, sich wirklich mit Haut und Haaren auf ein Gegenüber einzulassen und ganz genau wussten, wenn sie es jetzt nicht zulassen, werden sie es nie mehr erleben. Das waren oft berührende Momente.

Im Alter einen neuen „Herzensmenschen“ finden: Wie verändert sich denn die Art und Weise, eine Beziehung zu führen?

Huntemann: Liebe im vorgerückten Alter hat vor allem viele Vorteile. Das ist auch das Ergebnis einer Studie an der Psychologischen Fakultät der Uni Bern, die unter anderem Folgendes herausfand: In der zweiten Lebenshälfte ist man gelassener, mehr bei sich selbst und nicht mehr in irgendeiner Rolle. Man muss nicht mehr so viele Kompromisse eingehen mit Familie, Beruf und Gesellschaft. Das bedeutet eine größere Freiheit und gibt der neuen Partnerschaft eine ganz andere Qualität.

Männer verlieren ihr Machogehabe, Frauen werden selbstbewusster.“

Wandeln sich im Alter vielleicht auch die Rollenbilder Mann – Frau?

Huntemann: Auf jeden Fall. Durch das Abnehmen des Testosterons verlieren Männer ihr Machogehabe und können mehr ihre weicheren Seiten zeigen. Während die Frauen selbstbewusster werden und eher sagen können, was sie sich in der Liebe wünschen. Das gibt ihnen die Chance, sich auf Augenhöhe zu begegnen, ohne sich mehr etwas beweisen zu müssen. Und wenn man dann einem Menschen begegnet, zu dem man wirklich eine tiefe Verbundenheit spürt, dann wird dies doch als großes Geschenk empfunden. Das bedeutet größere Intensität und Erlebnisqualität, weil die Bereitschaft, sich ohne Angst fallen zu lassen, wächst.

Bei den Paaren, mit denen Sie für Ihr Buch gesprochen haben: Welche Bedeutung hatte Körperlichkeit und Sexualität?

Huntemann: Oh, das war durchweg ein total wichtiges Thema. Ich erinnere mich dabei an ein Paar, sie ehemalige Gastwirtin, 80 Jahre, und er Arzt, 77 Jahre, das mir mit strahlendem Blick von ihrem erfüllenden Liebesleben berichtet hat. Eine beglückende Erfahrung, wie vor allem sie mir gestand, die sie in dieser Innigkeit zuvor noch nie erlebt hat. Und er sprach davon, dass er mit ihr sexuell das erlebt, was er sich immer gewünscht hat. Also auch bei diesem Thema zeigt sich die größere Erlebnisfähigkeit und vor allem auch Offenheit. Wenngleich natürlich auch, bedingt durch körperliche Veränderungen, Sexualität im Alter andere Formen annehmen kann. Nähe, Zärtlichkeit und Hingabe bleiben – wie in jedem Alter – jedoch das Wichtigste.

Sie selbst sind 69 Jahre. Können Sie mit dem Bild des Alters als Zeit der Gebrechen etwas anfangen?

Huntemann: Ich empfinde es ganz furchtbar und abschreckend für jüngere Menschen, dass Alter in der Öffentlichkeit meistens als Defizitärmodell gehandelt wird. Es gibt ja in vielen Städten immer mal wieder sogenannte Senioren-Ausstellungen oder -Messen. Da geht es doch nur um Pflegenotstand, Rollstühle und Rollatoren, altersgerechtes Wohnen, Seniorenheime, Inkontinenzprodukte oder Palliativmedizin. Dass das Themen sind, die natürlich im Laufe des Alterns eine gewisse Rolle spielen können, ist klar. Aber wo bleiben die lustvollen, die spannenden Seiten des Alters? Wo die vielen Beispiele von älteren Menschen, die nochmal in ein ganz neues Leben starten? Wo wird über die Kompetenzen der älter werdenden Generation gesprochen? Über das, was sie alles leisten können und was sie auch tun? Inzwischen gibt es Gott sei Dank immer mehr Spielfilme, die sich auch gerade die Liebe im Alter zum Thema gemacht haben. Ich denke nur an den wunderbaren Fernsehfilm „Altersglühen“ über ein Speed-Dating mit Älteren. Das war doch herrlich! Und zeichnet ein Bild, das die Angst vor dem Älterwerden nimmt. Zumal, wenn man dann noch zu zweit und händchenhaltend durchs Leben geht.

 

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