Leben im Ausnahmezustand

14.04.2020

„Die Corona-Krise offen­bart das Wesent­li­che“

Die Pandemie wird die Gesellschaft als Ganzes verändern, glaubt der Soziologe Karl Lenz. Vielen Menschen werde nun auch klar, was wirklich zählt im Leben.

Herr Professor Lenz, wie kommen Sie denn persönlich mit der aktuellen Situation zurecht?

Karl Lenz: Das Zuhause-Arbeiten ist für mich zum Glück keine große Umstellung. Durch meinen Beruf bin ich das gewohnt. Was ich allerdings als enorme Einschränkung empfinde, ist die Reduktion der sozialen Kontakte. Klar, es gibt das Telefon und Videokonferenzen. Aber ein Face-to-Face-Gespräch kann das niemals ersetzen. Jetzt merke ich, wie schön selbst langweilige Sitzungen waren (lacht).

Eine solche Krisenerfahrung mit Quarantäne-Maßnahmen, Atemschutzmasken im Straßenbild, geschlossenen Geschäften und obendrein noch Existenzängsten ist für uns alle etwas vollkommen Neues. Was erleben wir da gerade?

Lenz: Einen Ausnahmezustand, eine Grenzerfahrung und einen völligen Bruch mit dem Alltag, wie wir ihn kannten. Vieles, das man für seine Balance und sein Wohlbefinden braucht, ob nun der Ostseeurlaub, Konzertbesuche oder Verabredungen mit Freunden, findet nicht mehr statt. Natürlich gibt es aktuell noch die Hoffnung, dass es nur eine vorübergehende Zeit ist und es bald wieder so etwas wie Normalität gibt. Aber ich fürchte, dass wir erst am Anfang stehen. Falls das so ist, müssen wir uns wohl darauf einstellen, diese Normalität nur Stück für Stück und sicher nicht in der gewohnten Weise wiederzubekommen.

Müssen wir uns also unter Umständen von der Welt, wie wir sie kennen, verabschieden?

Lenz: Das hängt alles vom Verlauf und von der Dauer dieser Krise ab. Solange es keine Impfung und keine wirksamen Medikamente gegen den Corona-Virus gibt, können wir über die Tragweite, vor allem auch die wirtschaftliche, nur spekulieren. Die Arbeitslosigkeit könnte steigen. Es ist gut möglich, dass es volle Fußballstadien und Konzertsäle nicht mehr geben wird. Und das nicht nur in diesem Jahr. Auch völlig neue Hygienestandards sind denkbar. Der Mundschutz zum Beispiel könnte so selbstverständlich werden wie Papiertaschentücher. Zumal Forscher auch davor warnen, dass Covid-19 wohl nicht der letzte Virus sein wird, der uns „überfällt“.

Hat das auch langfristige Auswirkungen auf unser soziales Miteinander?

Lenz: Durchaus. Zum Beispiel könnte das Händeschütteln als gängiges Begrüßungsritual aus unserer Kultur einfach verschwinden. Ebenso wie der Kuss auf die Wange oder die herzliche Umarmung. Vielleicht müssen wir hier zum Schutz vor Infektionen neue Formen finden. Was vorher selbstverständlich und ein Zeichen der Höflichkeit war, wird nun zu einem abweichenden Verhalten. Distanz, eigentlich etwas Nicht-Soziales, wird umgedeutet und heißt nun: Ich sorge mich um das Wohlergehen der anderen.

Dass die Deutschen dies tun, zeigt eine aktuelle Studie der Universität Mannheim: Rund 90 Prozent von ihnen akzeptieren demnach die Einschränkungen und Verbote. Erstaunt sie das?

Lenz: Es beeindruckt mich. Aus purem egoistischen Interesse könnte man ja auch sagen: Ich habe nix, warum sollte ich mich einschränken? Der Einzelne, der nicht betroffen ist, macht hier aber etwas, um das Risiko für die Gemeinschaft zu vermindern. Der Einzelne betrachtet sich als Teil des Ganzen und übernimmt Gesamtverantwortung. Ich sehe das als hoffnungsvolles Beispiel für die Solidarität in unserer Gesellschaft. Speziell auch gegenüber Älteren, der größten Risikogruppe.

Also hat diese Misere auch positive Seiten.

Lenz: Ja, zum Beispiel auch bezüglich der persönlichen Weiterentwicklung. Denn Grenzerfahrungen führen nicht selten zu Relevanzverschiebungen. Denn sie zeigen: Dinge, die man als selbstverständlich hinnimmt und gar nicht allzu sehr wertschätzt – darunter Gesundheit, Familie, Freiheit und Geselligkeit – können auch ganz schnell bedroht sein. 

So mancher wird sich daher jetzt grundlegende Fragen stellen. Was und wer ist mir wichtig? Lebe ich bewusst und gesund? Was brauche ich für ein glückliches Leben? Ist es wirklich der ständige Konsum? Die Suche nach Thrill? Die zwei Flugreisen im Jahr? Das Hamsterrad, in dem ich von einem zum nächsten Termin haste? Für den Einzelnen ist die aktuelle Situation mit enormer Entschleunigung und verordnetem Verzicht eine ungeheure Chance, sich ernsthaft selbst zu analysieren. Die Corona-Krise bringt unter Umständen einen klareren Blick auf das Leben, offenbart das Wesentliche und das bloße Beiwerk.

Dafür haben wohl nicht alle Zeit. Zum Beispiel Paare, die gerade zwischen Homeoffice und der Betreuung ihrer Kinder rotieren. Haben Sie ein paar Ratschläge, wie man in solchen Situationen seine seelische Gesundheit erhält?

Lenz: Durch den Wegfall vieler sozialer Kontakte, sei es über die Arbeit oder Freizeitaktivitäten, entsteht gerade sehr viel mehr an Paarzeit. Mein inständiger Rat: Um Konflikte zu vermeiden und damit die eigene Autonomie nicht flöten geht, muss man sich Freiräume schaffen. Und sei es nur, den Wochenendeinkauf getrennt zu machen. Sagte man früher: Paare brauchen Zeit miteinander, sagt man nun: Paare brauchen Zeit ohneeinander. Das ist keine Distanzierung vom anderen, sondern ein Weg, die Beziehung aufrechtzuerhalten. 

Die besten Karten haben zudem Familien, die auch in „normalen“ Zeiten eine gute Spielkultur besitzen. Die Kinder vor dem Fernseher zu „parken“, ist sicher der billigste Weg und zum Verschnaufen zwischendrin auch mal nötig. Aber man sollte auch die Gelegenheit sehen, ein neues Miteinander zu entdecken. Eltern haben jetzt mehr Zeit als im schnelllebigen Alltag.

Aber mehr Zeit kann auch zum Problem werden. Stichwort Lagerkoller.

Lenz: Ach, mit ein bisschen Fantasie, muss niemand Monotonie erleben. Ich glaube, es gibt kaum jemanden, der nicht Dinge hat, die er schon lange machen wollte, aber bisher immer aufgeschoben hat. Endlich aus den Urlaubsfotos ein Album machen, die Wohnung bis in die letzte Ritze säubern, Joggen für sich entdecken, eine Freundschaft durch einen spontanen Anruf wiederbeleben. Solche Projekte in Angriff zu nehmen, dafür ist jetzt die beste Gelegenheit!

Was denken Sie, wie wir uns an das Frühjahr 2020 später einmal erinnern?

Lenz: Ich denke als ein Lehrstück für uns alle. Sowohl für den Einzelnen, besonders aber für die Gesellschaft als Ganzes. Diese Krise wird Veränderungen anstoßen. So ist sie ein unüberhörbarer Weckruf, endlich die enorme Bedeutsamkeit von Pflegeberufen anzuerkennen und diese endlich angemessen wertzuschätzen. Gerade in einer Gesellschaft, in der die Menschen immer älter werden. Auch zeigt sich gerade, dass eine flexiblere Arbeitswelt möglich ist. Ohne Vorbehalte auf Homeoffice und andere neue Modelle zurückgreifen zu können, könnte zukünftig für viele eine Entstressung des Alltags bedeuten. 

Oder betrachten Sie den Fakt, dass im Moment auch Ärzte im Ruhestand mithelfen. Das zeigt: Auch Ältere sind leistungsfähig und ihre Kompetenzen haben gesellschaftliche Relevanz. Ich hoffe also, dass wir mit Corona später nicht nur eine schreckliche Zeit verbinden.