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Motivation

„Wir brauchen Ziele – ein Leben lang“

Menschen müssen nach etwas streben, um sich weiter zu entwickeln und nicht zu verkümmern, erklärt Psychologin Alexandra M. Freund. Auch Ältere sollten nicht stehen bleiben.

Psychologin Alexandra M. Freund lächelt in die Kamera.
Auf Sinnsuche: Alexandra M. Freund forscht an ihrem Lehrstuhl an der Universität Zürich zu Motivation und lebenslangem Lernen.

Frau Prof. Freund, warum sind Ziele im Leben essenziell?
Alexandra M. Freund: Der Mensch braucht eine Motivation, um etwas jenseits der Grundbedürfnisse wie etwa Essen und Schlafen zu tun. Während seines Lebens erwirbt er Fertigkeiten und verfeinert diese, weil er damit bestimmte Ziele erreichen kann. Das heißt, Ziele sind für uns ein zentraler Antriebsmotor, um unsere Fähigkeiten weiterzuentwickeln.

In welcher Lebensphase sind wir denn besonders zielorientiert?
Freund: Wir brauchen Ziele – ein Leben lang. Wir sind ja nie fertig. Ziele helfen uns, uns weiterzuentwickeln, nicht stehen zubleiben oder gar zu verkümmern.

Auch schon als Kind?
Freund: Nein. In der Psychologie definieren wir Ziele als überdauernde kognitive Repräsentationen von erwünschten Zuständen und den Mitteln, mit denen man diese erreichen kann. Das gelingt Menschen im Sinne von längerfristigen Lebenszielen meist erst mit zehn, elf Jahren. Vorher sind es Wünsche, Träume oder Phantasien wie „Ich will Prinzessin werden“.

Wenn es mit dem Traum von der Prinzessin nicht geklappt hat: Welche Ziele ergeben sich im Alter, speziell beim Eintritt in den Ruhestand?
Freund: Top-Ziel im Alter ist die Gesundheit. Gefolgt von guten Beziehungen zu anderen Menschen. Dazu kommen der Partner und die Familie. Und viele Menschen möchten auch der Allgemeinheit etwas zurückgeben. Das kann ein Engagement als Leih-Oma sein, Nachbarschaftshilfe oder einfach Spenden für den guten Zweck.

Wenn ich ein konkretes Ziel fixieren möchte, wie gehe ich am besten vor?
Freund: Schreiben Sie gezielt auf Karten, wie Sie das Leben gern hätten.  Ihre Visionen, die sich so ergeben, brechen Sie immer weiter herunter, bis Sie bei einem konkreten Ziel ankommen. Tun Sie das ruhig regelmäßig – es macht Spaß!

„An später zu denken, ist in unserer Hier-und-jetzt-Welt überhaupt nicht zeitgemäß.“

Klingt einfach – warum scheitern wir dann so oft an Zielen, die wir uns setzen?
Freund: Angenommen, ich möchte mich gesünder ernähren und auf bestimmte Genussmittel im Übermaß verzichten. Wenn ich das bei jeder Gelegenheit bedenke, kann ich es schließlich auch verinnerlichen. Das birgt allerdings die Gefahr, dass ich den Sinn des Ziels irgendwann nicht mehr sehe, weil ich mich in einer Verhaltensmühle befinde. Viele Menschen verbinden dieses negative Gefühl mit ihrer Arbeit und sehen den Sinn nicht mehr.

Apropos. Wer junge Menschen fragt, warum sie nicht fürs Alter vorsorgen, erhält oft als Antwort: Das hat doch keinen Sinn. Warum eigentlich?
Freund: Weil das unsexy ist. „Wann fängst Du denn an vorzusorgen?“, eine solche Frage enthält für junge Menschen einen Vorwurf. An später zu denken, ist in unserer Hier-und-jetzt-Welt überhaupt nicht zeitgemäß. Es natürlich auch viel angenehmer, eine unmittelbare Belohnung für  das zu bekommen, was man gerade tut. Zumal mit dem Sparen auch noch die Unsicherheit verbunden ist, ob die Anlage sicher ist. Es könnte ja einen Crash geben.

Wie können wir uns das Sparen fürs Alter als lebenslanges Ziel schmackhaft machen?
Freund: Führen Sie sich doch einmal konkret vor Augen, wie Sie später einmal leben möchten. Wichtig ist zu verstehen, dass ich mit 65 oder 67 immer noch der gleiche Mensch bin und nicht ein anderer. Und dann will ich doch immer noch, dass es mir gut geht, oder?

Alter und Altersfragen sind also unsexy. Woran liegt das?
Freund: Das hat mit unserem negativen gesellschaftlichen Labeling zu tun. Das Bild vom Alten, der keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr hat, ist mit den heutigen Erkenntnissen einfach nicht mehr haltbar.  Ganz häufig sagen mir Studienteilnehmer: ‚Also wenn Sie das Alter untersuchen wollen, dürfen Sie mich nicht fragen. Ich bin ganz untypisch.‘ Ich spreche deshalb auch von älteren Erwachsenen – nicht von Alten.

Und wenn wir das alle tun, wird sich das negative Bild wandeln?
Freund: Es ist schwer, den jugendlichen Imperativ wegzubekommen. Schauen Sie sich etwa die Werbebranche an: In Zürich am Flughafen lese ich ‚60 is the new 40!‘.  Warum stellt die Gesellschaft nicht das Schöne am Alter heraus? Hier hat man doch so viele Potenziale. Ältere können sich emotional und kognitiv anpassen. Der Mensch lernt bis zum Schluss, außer er ist dement.

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