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Ehrenamt statt Ruhestand

Wie Senioren ihrem Leben einen Sinn geben

Immer mehr Rentner engagieren sich ehrenamtlich. Ihre Hilfe wird dringend gebraucht. So sehr, dass schon Agenturen gezielt nach älteren Freiwilligen suchen.

Ehrenamtliche Helfer in der Caritas-Wärmestube am Bundesplatz in Berlin Essen aus.
Ältere engagieren sich auf vielfältige Weise ehrenamtlich. Diese drei verteilen zum Beispiel Essen an Bedürftige  in einer Wärmestube der Caritas in Berlin.

Den Ruhestand wörtlich nehmen? Für Peter Beit kam das nie infrage. Als der ehemalige Abteilungsleiter in einem Versicherungsunternehmen mit 60 ein letztes Mal seine Bürotür hinter sich zuzog und sich in den Vorruhestand verabschiedete, stand für ihn fest, dass dies nicht seine letzte Arbeit gewesen sein würde: „Mir war klar: Ich will mich unbedingt ehrenamtlich engagieren.“

Neun Jahre ist das her, und nach einigem Ausprobieren hat Beit inzwischen seine Bestimmung gefunden. Er arbeitet als Seniortrainer, der gemeinnützige Organisationen berät, sowie als ein sogenannter Engagement-Lotse in einem Seniorenbüro im Hamburger Stadtteil St. Georg – einer Agentur für freiwillige Helfer im Ruhestand. Zusammen mit seinen Kollegen hilft er Rentnern dabei, eine ehrenamtliche Tätigkeit zu finden, die zu ihnen passt.

Interesse an Ehrenamt steigt stark

Beit und seine Kollegen haben gut zu tun. Das Interesse älterer Menschen am Ehrenamt wächst. Laut Deutschen Freiwilligensurvey von 2014 leistet inzwischen ein Drittel der über 65-Jährigen ehrenamtlich Hilfe – ein Plus von fünf Prozentpunkten seit 1999. „Die heutigen Senioren sind immer fitter. Sie wissen: Wenn ich jetzt in den Ruhestand gehe, habe ich voraussichtlich noch mehrere Jahrzehnte, die ich gestalten kann“, sagt Jochen Ziegelmann vom Deutschen Zentrum für Altersfragen und stellvertretender Leiter des Deutschen Freiwilligensurveys, mit dem alle fünf Jahre die Entwicklung des freiwilligen Engagements untersucht wird.

Peter Beit, ehemaliger Versicherungskaufmann und jetzt Engagamentlotse und Seniorentrainer in Hamburg.
Peter Beit (M.) berät in Hamburg gemeinnützige Organisationen und Freiwillige, wie und wo sie helfen können.

Es ist aber nicht nur bessere Fitness, die immer mehr Menschen dazu bewegt, nach Ende des aktiven Berufslebens unentgeltlich weiterzuarbeiten. „Die Älteren sind heute viel mobiler und können sich daher flexibler engagieren“, sagt Ziegelmann. „Auch sind sie nicht mehr so stark in Familienstrukturen eingebunden wie früher. Sie haben teilweise keine Enkelkinder, um die sie sich kümmern. Oder leben nicht dort, wo die Familie ihrer Kinder lebt.“ Ein weiteres Motiv: Die Ruheständler wollen der Gesellschaft etwas zurückgeben, nach dem Motto „It’s time to give back!“, wie es Ziegelmann ausdrückt.

Hilfe der Älteren unverzichtbar

Viele soziale Einrichtungen könnten inzwischen ihre Aufgaben ohne die Hilfe der älteren Freiwilligen kaum noch erfüllen. Die Senioren unterstützen beispielsweise die Tafeln, die Essen an Bedürftige verteilen, sie engagieren sich in der Kinder- und Jugendarbeit oder helfen in der Altenpflege aus. Der Staat hat durch eine stärkere Förderung des Ehrenamts mit dazu beigetragen, dass sich mehr ältere Menschen dafür erwärmen. „Die Regierung hat in den vergangen zwei Jahrzehnten massiv für den Ausbau des freiwilligen Engagements geworben und verbesserte Rahmenbedingungen geschaffen. Auch die Lücke, die die Aussetzung des Zivildienstes gerissen hat, führte zu einer verstärkten Aktivierungspolitik insbesondere bei den Älteren“, sagt Ziegelmann.

Ulrich Kluge kann das aus jahrelanger Erfahrung bestätigen. Er ist Geschäftsführer des Hamburger Seniorenbüros und leitet die Einrichtung seit ihrer Gründung 1993. „Früher gab es nur vereinzelte Angebote für die Zeit nach dem Berufsende“, sagt er. Damals sei das Bewusstsein für den Wert des freiwilligen Engagements noch nicht so groß gewesen. Das habe sich grundlegend geändert. „Das Interesse nimmt immer mehr zu. Das passiert oft in Wellen, wenn ein bestimmtes Thema gesellschaftlich besonders diskutiert wird“, beobachtet Kluge. „Vor ein paar Jahren sind beispielsweise rund um die PISA-Diskussionen zahlreiche Lerninitiativen gegründet worden, die nach wie vor aktiv sind.“ Heute ist es das Engagement für Flüchtlinge, das Kluge als neuen Trend ausmacht.

Freiwilligenarbeit wird professioneller

So sind es oft auch die Freiwilligen selbst, die zur Etablierung und Professionalisierung des Ehrenamtes beitragen. In Hamburg hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten ein gewaltiges Netzwerk entwickelt, das ohne Ruheständler wie Peter Beit nicht so effektiv arbeiten könnte. Seit er vor drei Jahren zu den Engagement-Lotsen kam, hat sich das Team von zwei auf acht Berater vergrößert. Gemeinsam haben sie die lange brach liegende Datenbank überarbeitet, in der die Lotsen passende Angebote für die Ratsuchenden eintragen.

Die Daten müssen regelmäßig aktualisiert werden, schließlich ist die Konkurrenz groß. In Hamburg gibt es mittlerweile zehn Agenturen, die um das Engagement der Freiwilligen buhlen. Kooperiert wird trotzdem. Seit Neuestem speisen sie ihre Angebote in eine gemeinsame Datenbank ein. Und zu Beginn jedes Jahres beteiligen sie sich an der Freiwilligenbörse in der Handelskammer Hamburg. Die sogenannte Aktivoli besuchen im Schnitt rund 6.000 Interessierte. „Wie auf einem Basar fischen die Organisationen nach neuen Freiwilligen – besonders auch nach uns Älteren“, scherzt Beit.

Kandidatensuche beginnt schon in den Unternehmen

Doch der gewiefte Rentner ist bereits ein Schritt weiter. Er und seine Kollegen suchen mittlerweile direkt in den Unternehmen nach potenziellen Kandidaten, noch bevor sie in den Ruhestand gehen. Im Rahmen der Initiative „Neue Wege in den Ruhestand“ werben Seniortrainer in den Firmen für den Wert des freiwilligen Engagements – als spannende Perspektive, die der neue Lebensabschnitt bieten kann.

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