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Jahreszeiteneffekt

Warum im Herbst Geborene länger leben

Der Geburtsmonat bestimmt die Lebenserwartung mit. Ein Grund sind Umwelteinflüsse während der Schwangerschaft. Die sind besonders für Herbstkinder günstig.

Kind liegt im Herbstlaub
Herbstkinder können sich freuen: Sie leben länger als im Frühling oder Sommer Geborene. Doch der Jahreszeiteneffekt verliert an Bedeutung (Foto: Getty Images).

Was haben es die im Frühjahr und Sommer Geborenen doch gut. Feiern sie ihr Wiegenfest, dann oft draußen bei gutem Wetter. Bei Herbst- und Winterkindern muss sich die Verwandtschaft hingegen meist ins Wohnzimmer quetschen, weil es draußen stürmt, regnet oder schneit. Doch ihnen bleibt ein Trost. Wer in der kälteren Jahreszeit geboren wurde, bekommt mitunter wertvolle „Extra-Geschenke“. Eine stabilere Gesundheit nämlich. Und ein längeres Leben.

Das zeigen beispielsweise Untersuchungen von Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Greifswald: Sie nahmen mehr als sechs Millionen Todesfälle unter die Lupe, die zwischen 1992 und 2007 in Deutschland auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurückzuführen waren. Dabei stellten sie fest, dass Herbstkinder am ältesten wurden. Allen voran zählen November-Kinder zu den glücklichen Langlebigen. Mädchen, die in dem Monat geboren wurden, lebten 7,3 Monate länger als jene, die im Mai das Licht der Welt erblickten. Bei Männern betrug die Differenz sogar fast ein ganzes Jahr.

Geburtstage der 100-Jährigen liegen oft zwischen September und November

Altersforscher der University of Chicago entdeckten ein ähnliches Muster, als sie sich die Lebensdaten von rund 1.500 hochbetagten US-Bürgern ansahen. Die meisten der über 100-Jährigen feierten zwischen September und November Geburtstag; dagegen gab es kaum Frühjahrs- oder Sommerkinder unter den Jubilaren. Allein die Gene oder Lebensbedingungen konnten die Unterschiede nicht erklären, denn die Forscher blickten auch auf die Lebensdauer der Geschwister und Ehepartner. Das Ergebnis: Nur wenige von ihnen durchbrachen die 100er-Grenze, wenn der Geburtsmonat in die erste Jahreshälfte fiel.

„Lebenserwartung und Gesundheit müssen etwas mit den Umständen ganz am Anfang unseres Lebens zu tun haben“, ist sich Gabriele Doblhammer sicher. Die Demografin von der Universität Rostock stützt ihre These auch auf eigene Analysen australischer Geburts- und Sterbedaten. Siehe da: Auch auf der Südhalbkugel gibt es den Jahreszeiteneffekt, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Dort leben die – aus europäischer Perspektive – im Frühjahr Geborenen am längsten, wenn in Australien Herbst ist. Nur für britische Emigranten gilt dieses Schema nicht. Geboren in der nördlichen Hemisphäre, finden sich die Langlebigen unter ihnen weiterhin unter den Herbstkindern.

Umwelteinflüsse wirken auf Ungeborene

Forscher vermuten daher, dass schon in den neun Monaten vor der Geburt als auch in der unmittelbaren Zeit danach im Körper eine Art Programmierung stattfindet, die sich langfristig auf die Gesundheit auswirkt. Immerhin 55 Krankheiten, die im Verlauf eines Lebens auftreten, bringen Wissenschaftler mit den jahreszeitlichen Bedingungen während der prä- und postnatalen Phase in Verbindung. Als saisonale Einflussfaktoren haben sie unter anderem das Sonnenlicht, Infektionsgefahren und Ernährungsgewohnheiten im Verdacht.

Fällt die Schwangerschaft vorwiegend in die dunkle Jahreszeit, gibt die Mutter den durch wenig UV-Licht ausgelösten Vitamin D-Mangel an ihr Kind weiter. Mediziner der University of Oxford konnten zeigen, dass sich im Nabelschnurblut von Mai-Kindern rund 20 Prozent weniger Vitamin D befindet als in dem von November-Kindern. Der Mangel an Vitamin D spielt vermutlich eine Rolle bei der Entstehung von Multipler Sklerose, Schizophrenie, Depressionen und Bluthochdruck – alles Krankheiten, an denen im Frühjahr Geborene statistisch gesehen häufiger leiden als andere.

Geburtsgewicht spielt eine Rolle

Dass Frühlingskinder auch für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Arteriosklerose oder Schlaganfälle anfälliger sind, könnte auch mit Magen-Darm-Infekten zusammenhängen, die vor allem im Sommer auftreten. „Besonders Durchfallerkrankungen in den ersten Lebensmonaten scheinen einen großen Einfluss auf die weitere körperliche Entwicklung zu haben und das Risiko für bestimmte Leiden zu erhöhen“, sagt Demografin Doblhammer.

Für den britischen Epidemiologen David J. P. Barker spielt auch das Geburtsgewicht eine wichtige Rolle. Früher, als die Wintermonate häufig mit Fehlernährung und einem Mangel an nährstoffreichem Obst und Gemüse einhergingen, kamen zwischen März und Juni nicht selten untergewichtige Babys zur Welt. Das allein sei nicht unbedingt bedenklich, so der Forscher. Das Problem: Im Mutterleib wurde das Stoffwechselsystem des Kindes auf Knappheit programmiert. Ist das Nahrungsangebot in der warmen Jahreszeit dann jedoch üppiger, kann das Missverhältnis laut Barker im späteren Leben zu Übergewicht, Diabetes und koronaren Herzerkrankungen führen.

Saisonale Unterschiede nehmen ab

Heute spielt saisonale Mangelernährung freilich keine Rolle mehr, Fortschritte in der Medizin drängen zugleich Infektionskrankheiten zurück. Die Folge: „Die saisonalen Unterschiede bei der Lebenserwartung werden daher mit jeder Generation kleiner“, sagt Doblhammer. Allerdings, so vermutet die Wissenschaftlerin, könnten neue Faktoren hinzukommen. Hitzeperioden durch den Klimawandel zum Beispiel.

Wichtiger als der Geburtstermin ist für die Lebenserwartung ohnehin der Lebensstil. Anstatt bei der Familiengründung peinlich genau auf den Kalender zu achten, können Eltern auf andere Weise viel mehr für ihr Kind tun: „Indem man seinem Kind eine gute Bildung ermöglicht, es gesund ernährt, indem man Sport treibt und nicht raucht. Das bringt Jahre an zusätzlicher Lebenszeit und nicht – wie der ‚richtige‘ Geburtsmonat – nur ein paar Monate“, sagt Doblhammer.

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