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Computerspiele

Oma und Opa zocken jetzt „Fortnite“

Knobeln, ballern, Autorennen: Die Generation 50+ stellt mittlerweile die größte Gamer-Gruppe – und hält sich damit erwiesenermaßen jung.

Gut gelauntes älteres Paar sitzt mit Game-Controllern in den Händen auf dem Sofa.
Computerspiele machen Älteren nicht nur Spaß – sie sind auch gut für den Kopf. (Foto: RgStudio / Getty)

Flink dirigiert Melita den virtuellen Muskelprotz in Kampfmontur und mit einer mächtigen Spitzhacke in den Händen über die verlassene Insel. Die Mission: Materialien sammeln, eine Basis errichten und dabei immer auf der Hut sein vor Gegenspielern, die einem nach dem Leben trachten. Schnellen Schrittes geht es vorbei an Bäumen und Büschen, an Hügeln und Hütten. Plötzlich, wie aus dem Nichts, feuert eine Drohne auf Melitas Helden. Keine Chance zu entkommen – game over. „Ach Mensch, jetzt bin ich futsch“, sagt Melita enttäuscht, nimmt die großen weißen Kopfhörer ab und die Finger von Maus und Tastatur.

Bridge und Mau-Mau waren gestern  

„Fortnite“ heißt das Computerspiel, das Melita hier testet. Ein weltweit bekanntes Survival-Game, beliebt vor allem bei Jugendlichen. Melita ist schon ein Weilchen raus aus der Pubertät: 81 Lenze zählt die Berlinerin und gehört damit auf den ersten Blick wohl eher zur Generation Bridge, Canasta und Mau-Mau.

Nicht so auf dem YouTube-Kanal „Senioren zocken“. Hier sitzen neben Melita noch rund zehn weitere „Silver Gamer“ regelmäßig an Controllern und vor Bildschirmen. Die Jüngste im Team ist 74, der Älteste feierte vor Kurzem seinen 90. Geburtstag. Alle paar Wochen geht ein neuer Clip online. Mal werden mit dem „Landwirtschaftssimulator“ Felder bestellt, mal geht es bei „Mario Kart“ zum Autorennen. Vorkenntnisse bringt dabei kaum jemand mit. „Ich hatte überhaupt keine Ahnung davon“, gesteht Melita. „Ich hatte ja noch nie einen Computer und lange Zeit nicht mal ein Handy. Da wird man mit jedem neuen Spiel wieder ins kalte Wasser geworfen.“

Den Zuschauern gefällt’s: Über 400.000 Abonnenten folgen dem Kanal, schauen zu, wie sich die Senioren – mal mehr, mal weniger erfolgreich, aber immer mit Witz und Selbstironie – durch die virtuellen Welten wursteln. 2018 gab es für den hohen Unterhaltungswert sogar die Goldene Kamera.

Jeder vierte Gamer ist über 50

Obwohl die zockenden Senioren noch Exotenstatus besitzen: Die Vorstellung, Computer- und Videospiele seien vorrangig die Leidenschaft von pickeligen Teenagern, braucht dringend ein Update. „Ob auf dem Smartphone unterwegs oder auf PC und Spielekonsole zuhause: Deutschland ist ein Land der Gamer“, sagt Felix Falk, Geschäftsführer des Branchenverbands game. „Das zeigt nicht zuletzt das große Spieler-Wachstum bei den über 50-Jährigen.“ Jeder vierte Spieler gehört hierzulande dieser Altersklasse an. Mit 9,5 Millionen ist sie mittlerweile die größte Gamer-Gruppe in Deutschland.

Die Gründe? Zum einen der demografische Wandel. Die einstigen Gaming-Pioniere, die früher „Pong“, „Pac-Man“ oder „Super Mario Bros.“ in ihren Kinderzimmern gedaddelt haben, sind zusammen mit den Spielen älter geworden. Zum anderen ist es die Lust auf technische Neuerungen, die nicht nur den Jungen eigen ist. Laut des Digitalverbands Bitkom besitzen heute rund 83 Prozent der 50- bis 64-Jährigen Smartphone oder Tablet; bei den über 65-Jährigen sind es immerhin schon fast 30 Prozent.

Dass darauf längst nicht nur Skat,  Schach, Kreuzworträtsel oder Sudoku laufen, zeigen zum Beispiel die „Silver Snipers“. Die ergraute Gamer-Kombo aus Finnland etwa, im Schnitt 67 Jahre alt, spielt das blutige Online-Taktik-Game „Counter-Strike“. Auf weltweiten eSport-Meisterschaften treten die Fünf gegen Teams an, die bis zu zwei Generationen jünger sind als sie.

Zocken für die Gesundheit

„Jünger“ – so fühlt sich Melita, seit sie online zockt. „Man muss viel nachdenken und flink sein. Beim Spielen hat man irgendwie gar keine Zeit, alt zu werden.“

Damit liegt sie goldrichtig. Studien zeigen immer wieder, dass Online- und Videospiele nicht nur Abwechslung und Spaß bringen, sondern auch therapeutisch einiges bewirken können. Forscher des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung ließen Senioren beispielweise das Spiel „Schiff ahoi“ ausprobieren. An einem virtuellen Schiffsbüffet gilt es hier, möglichst schnell Speisen auf Teller zu stapeln – und dabei Ungenießbares zu erkennen und rasch auszusortieren. Ergebnis nach acht Wochen: Die Gehirnareale des präfrontalen Kortex, verantwortlich für das Arbeitsgedächtnis und die Reaktionsschnelligkeit, waren gewachsen.

Zu einem ähnlichen Schluss kamen auch Psychologen der Universität Montreal. Ihre Versuchspersonen, alle zwischen 55 und 75 Jahre alt, vertieften sich in das 3D-Spiel „Super Mario 64“ und sammelten mit dem italienischen Klempner ein halbes Jahr lang fleißig Sterne. Nach der letzten Spielrunde hatte sich die Graue Masse in ihrem Hippocampus deutlich erhöht und damit ihre Motorik sowie ihr Kurzzeitgedächtnis und Gleichgewichtssinn verbessert.

Candy Crush mit 13 Enkeln

Das Startup RetroBrain ist sogar gänzlich auf sogenannte Health Games spezialisiert. Zusammen mit Medizinern und Demenzforschern, mit Microsoft und der Barmer GEK entwickelten die Hamburger Memore, eine Spielekonsole speziell für ältere Gamer. Ob Kegelbahn-Simulator oder Postbotenspiel, bei dem fahrradfahrend Briefe ausgetragen werden müssen – Ziel ist der Erhalt der Fitness, das Vermeiden von Stürzen und der Kampf gegen altersbedingte Krankheiten wie Demenz.

Besonders gern spielt Melita übrigens „Candy Crush“. Am liebsten zusammen mit ihren 13 Enkeln. Kommen die zu Besuch, werden die Smartphones gekoppelt – und los geht’s. „Meine Enkel sind schon sehr stolz auf mich“, sagt Melita. Allein deren Mitschüler wollen ihnen nie so recht glauben, dass sie eine so coole Großmutter haben. Dass Oma und Opa mit um das nächste Level kämpfen – daran wird sich die junge Generation aber in Zukunft gewöhnen müssen.

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