x

Klicken Sie hier, um das Menü zu öffnen.

Seelenphänomen Resilienz

„Gib nicht auf, ich helfe dir“

Scheidung, Kündigung, Krankheit: Biochemikern Christina Berndt erklärt, warum einige Menschen an solchen Tiefschlägen zerbrechen – und andere nicht. Und wie man sich seelisch ein dickes Fell zulegt.

Christina Berndt
Christina Berndt hat über das seelische Phänomen der Resilienz ein Buch geschrieben. (Foto: Alessandra Schellnegger)

Frau Berndt, wenn jemand von heute auf morgen querschnittgelähmt ist, die Diagnose Krebs bekommt oder seinen Partner verliert: Zerbricht die Mehrheit der Menschen an solchen Situationen?
Christina Berndt: Nein, keinesfalls. Es ist wirklich erstaunlich, welch große Resilienz, also psychische Widerstandskraft, in uns steckt. Die Wissenschaft geht davon aus, dass 60 bis 70 Prozent aller Menschen darüber verfügen und negative Wendepunkte im Leben seelisch relativ unbeschadet bewältigen. Im Grunde wird unsere Zufriedenheit wie von einem Thermostat geregelt. Sie pegelt sich meistens wieder ein.

Das Bild vom Stehaufmännchen ist also kein Klischee?
Berndt: Natürlich geht man bei Krisen auch durch ein Tal der Tränen. Es nicht alles rosarot und niemand muss sagen: Herzlich willkommen, Krebs, du machst mich stärker! Die früher vertretene Meinung, es gebe Menschen, die unverwundbar sind, die nichts umhaut, ist Quatsch. Aber: Wer resilient ist, steht einfach schneller wieder auf.

Haben Sie dafür ein paar besonders prägnante Beispiele?
Berndt: Schauen Sie sich Nelson Mandela an. Er saß 27 Jahre wegen seiner politischen Überzeugungen im Gefängnis. Als er entlassen wurde, war er kein gebrochener, rachsüchtiger Mann, sondern führte in Südafrika eine Politik der Versöhnung ein. Oder Natascha Kampusch, die 3096 Tage in der Hand ihres Entführers lebte. Zwei Wochen nach ihrer Flucht sitzt sie im Fernsehen – und spricht über ihre Zukunft und welche Ziele sie hat. Die Öffentlichkeit konnte das gar nicht glauben, hatte ein Häufchen Elend erwartet. Auch Kristina Vogel ist ein beeindruckendes Beispiel. Mit 29 Jahren erlitt die Bahnradsportlerin einen schweren Unfall und sitzt seitdem im Rollstuhl. Wenige Monate danach ist sie zu Gast im ZDF Sportstudio. Selbstbewusst und mit einem Lächeln auf den Lippen. Sie wolle jetzt Dinge tun, für die sie früher nie Zeit hatte, und sei auch froh, nun keinen Erfolgsdruck mehr spüren zu müssen. In dieser Situation auch das Positive zu sehen, ist unheimlich stark.

„Soziale Bindungen sind das A und O“

Ist uns diese Stärke in die Wiege gelegt?
Berndt: Zum Teil. Es gibt tatsächlich ein „Resilienzgen“, das beim Gehirnstoffwechsel eine Rolle spielt, speziell beim Transport unseres Zufriedenheitshormons Serotonin. Studien haben gezeigt, dass Menschen, bei denen dieses Gen kurz ist, mitunter resilienter sind als solche, die über ein längeres Gen verfügen. Auch beim Stressabbau unterscheiden wir uns voneinander. Bei einigen baut sich das Stresshormon Cortisol schneller ab, bei anderen dauert es länger und sie empfinden Stress intensiver. Allerdings macht uns die Biologie allein noch lange nicht widerstandsfähig.

Was gehört noch dazu?
Berndt: Soziale Bindungen sind das A und O. Wir brauchen jemanden, der an uns glaubt, der sagt: Gib nicht auf, ich helfe dir. Das ist vor allem in den frühen Lebensjahren wichtig – aber auch später. Denn ein Netz aus Familie und Freunden ist es letztendlich, das uns in der Krise hält. Auch das Vorhandensein eines Lebensziels ist ein ganz starker Resilienzfaktor. Dass man für etwas eine Leidenschaft entwickelt – sei es für Politik, Religion, seinen Beruf oder ein Hobby. Oft ist man dadurch Teil einer Gemeinschaft und das Gefühl von Zugehörigkeit trägt uns durch schwierige Zeiten.

Unser Charakter spielt doch sicher eine Rolle.
Berndt: Manche dieser Schutzfaktoren sind ganz klar mit der Persönlichkeit verbunden. Zum Beispiel Intelligenz. Sie hilft uns, Wege aus der Krise zu erkennen. Auch Selbstvertrauen, Optimismus und Offenheit für Veränderungen sind Dinge, die tief in uns drinstecken. Kristina Vogel hat einen starken Satz gesagt: „Ich bin immer noch ich.“ Resiliente Menschen lassen sich durch Krisen nicht ihre Persönlichkeit nehmen, sie sind in der Lage, zu akzeptieren. Die Perspektive zu wenden. Nicht immer weiter zu hadern. Sie können irgendwann sagen: So ist es, ich kann trotzdem fröhlich sein. So zu denken, kann man lernen.

„Alter ist das beste Resilienztraining“

Wie das?
Berndt: Resilienz muss man als dynamischen Prozess verstehen. Das Rüstzeug dafür erwirbt man im Laufe des Lebens. Daher hat Resilienz im Endeffekt doch gar nicht so viel mit unserem Charakter zu tun, sondern ist vielmehr vor allem eine Strategie, die uns dabei hilft, Lösungen zu finden, wenn wir im Schlamassel sitzen. Und diese Strategie baut auf Lebenserfahrung auf.

Heißt das, wir werden mit zunehmendem Alter resilienter?
Berndt: Ja, mit dem Älterwerden mehren wir unsere psychische Widerstandskraft. Erst in den allerletzten Jahren unseres Lebens, wenn wir gebrechlich werden und unser Freundeskreis schwindet, werden wir verwundbarer. Dass Resilienz aber grundsätzlich mit dem Alter zunimmt und das Alter vielleicht sogar das beste Resilienztraining ist, lässt sich sehr einfach nachvollziehen: Das Leben lehrt uns, besser mit Krisen und Herausforderungen umzugehen. Wir denken nicht bei jeder schwierigen Situation: Oh Gott! Sondern: Hatte ich schon mal so ähnlich, habe ich auch überlebt.

Stimmt, beim ersten Liebeskummer mit 14 glaubt man noch, dass es nie wieder gut wird.
Berndt: Genau. Wer dann mit 40 eine Scheidung verkraften muss, leidet natürlich auch. Aber er kommt mit diesem Leid besser zurecht; er weiß, was ihm guttut, welche Wege er einschlagen sollte und dass es ihm eines Tages wieder besser gehen wird. Das schützt die Seele in der Krise.

Kommen resiliente Menschen besser mit dem Älterwerden klar?
Berndt: Jeder Mensch sieht es mit Bedauern, wenn die Haare grau werden und die Falten immer mehr, wenn die Kraft nachlässt und das Gefühl, gebraucht zu werden. Resiliente Persönlichkeiten können aber auch das Positive darin sehen: Dafür muss ich nun auch nicht mehr so viel tun, darf auch mal ein Stück Kuchen mehr essen. So hält man sich viel Stress und Unzufriedenheit vom Leib.

„Das verändert den Blick auf die Welt“

Gilt das auch für den Umgang mit Krankheiten?
Berndt: Wer akzeptieren kann, dass irgendwann Krankheiten und Zipperlein auftreten, aber Altersgenossen noch viel schlimmere Dinge haben, kann seine Beschwerden leichter schultern. Das ist wiederum ein Schutz für die Gesundheit, denn das ständige Hadern schlägt natürlich auf die Seele. Das Ganze kann man sogar üben: Wenn Rheumapatienten vor dem Ausfüllen eines Schmerzfragebogens gebeten werden, sich an ihre Erfolge zu erinnern, geben sie danach weniger hohe Schmerzwerte an. Personen, die resilient sind, erholen sich auch schneller von schweren Eingriffen und können laut Studien selbst mit mehreren Krankheitsdiagnosen Zufriedenheit empfinden.

Apropos üben: Was können wir selbst noch tun?
Berndt: Neugierig sein! Sich einfach mal für einen Job bewerben oder ein Land bereisen, für das man sich vielleicht zunächst gar nicht so interessiert. Offen sein, für das, was die Welt so bietet. Denn schon im Kleinen trainiert man für die Veränderungen des Lebens. Wer hingegen möglichen Fehlschlägen immer aus dem Weg geht, wird empfindlicher. Die Wissenschaft spricht hier von „Stressimpfung“: Damit einem der wirklich fette Stress nicht so leicht aus den Latschen haut, muss man sich ab und zu bewusst dem „kleinen“ Stress des Alltags aussetzen.

Kann man auch Optimismus trainieren?
Berndt: Ja, durch einen ganz simplen Trick: Nicht immer nur das Negative sehen, sondern intensiver die guten Dinge des Alltags wahrnehmen und wertschätzen. Packen Sie sich zum Beispiel jeden Tag fünf Steinchen in eine Jackentasche und lassen Sie diese bei jedem schönen Erlebnis in die andere wandern. Da lächelt mich jemand an, ich führe ein nettes Gespräch, ich erwische noch das letzte Brot beim Bäcker. Das verändert den Blick auf die Welt. Studien rund um den Globus haben gezeigt, dass diese einfache Übung depressive Symptome mildert, uns resilienter macht – und das schon nach sechs Wochen.

zurück zur Übersicht
down-arrow