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Unterschiedliche Lebenserwartung

„Männer instrumentalisieren ihren Körper“

Männer leben ungesünder als Frauen. Sie seien aber nicht zu doof, sagt Theodor Klotz, Vorstand der Stiftung Männergesundheit. Das Thema müsse ihnen nur anders vermittelt werden.

Prof. Theodor Klotz, wissenschaftlicher Vorstand Stiftung Männergesundheit
Professor Theodor Klotz ist wissenschaftlicher Vorstand der Stiftung Männergesundheit

Professor Klotz, Frauen werden gut vier Jahre älter als Männer. Was ist der Grund dafür?
Theodor Klotz: Es geht vor allem um die Lebensumstände, um Verhaltensunterschiede und höhere Risiken, die Männer eingehen. Wir wissen das aus der sogenannten Klosterstudie, mit der die Lebenserwartung von Nonnen und Mönchen verglichen wurde, deren Alltag fast identisch ist. Wenn beide Geschlechter eine ähnliche Lebensweise haben, bleibt noch ein Jahr übrig, das man allein der besseren Konstitution der Frauen zuschreiben kann. Der Rest ist auf umweltbezogene Risiken zurückzuführen.

Welche Risiken sind das?
Klotz: Es geht um Unfälle im Privaten und auf der Arbeit, um Drogensucht oder auch Gewaltverbrechen. Die Faktoren machen sich besonders bei jungen Erwachsenen bemerkbar. Im höheren Alter, zwischen 70 und 80, gleichen sich die Risiken von Mann und Frau wieder an.

„Frauen betrachten ihren Körper als Teil ihres Ichs“

Gibt es auch Unterschiede im Gesundheitsbewusstsein zwischen Frauen und Männern?
Klotz: Männer instrumentalisieren ihren Körper, um ein Ziel zu erreichen. Zum Beispiel, wenn sie besonders attraktiv sein wollen, deshalb Bodybuilding machen und dabei Hormone einnehmen. Oder sie wollen im Beruf besonders erfolgreich sein und arbeiten dann bis zu 20 Stunden am Tag. Frauen betrachten ihren Körpers als Teil ihres Ichs, Männer betrachten ihn als Werkzeug. Wer seinen Körper aber für die Karriere instrumentalisiert, schädigt ihn damit. Da wird dann zu viel geraucht, zu wenig und falsch gegessen und sich zu wenig bewegt, weil man dem Ziel alles unterordnet. Das machen Frauen in geringerem Ausmaße.

Es fällt auf, dass der Abstand in der Lebenserwartung von Männern und Frauen auch zwischen den Bundesländern variiert. Woher kommt das?
Klotz: In den ländlichen und strukturschwachen Regionen haben wir ein höheres Risiko durch die körperliche Landarbeit, längere Arbeitswege, was das Unfallrisiko erhöht. Außerdem ist die Suizidrate sehr viel höher. All dies betrifft Männer stärker als Frauen.

Mit der geringeren Ärztedichte hat das nichts zu tun?
Klotz: Klar, wenn Sie einen Herzinfarkt haben, dann ist eine kurze Rettungskette natürlich wichtig. Aber bezogen auf die gesamte Lebenserwartung, sehe ich da keinen Zusammenhang. Man kann das zum Beispiel in Griechenland sehen: Dort haben wir eine viel geringere Ärztedichte, aber fast dieselbe Lebenserwartung wie in Deutschland.

„Junge Männer achten viel mehr auf sich als frühere Generationen“

Die Männer haben in den vergangenen Jahrzehnten immerhin etwas aufgeholt. Woran liegt das?
Klotz: Als ich vor zwanzig Jahren mit der Forschung angefangen habe, hatten wir noch einen Unterschied von fast sieben Jahren in der Lebenserwartung. Inzwischen sind es weniger als fünf Jahre. Das liegt vor allem daran, dass wir heute weniger Verkehrstote und viel weniger Gewaltverbrechen haben. Bei den jungen Männern hat sich das Verhalten in den letzten zwanzig Jahren stark verändert, die achten viel mehr auf sich als frühere Generationen. Heute geht im Grunde jeder ins Fitnessstudio oder macht irgendeinen Ausgleichssport.

Wo sehen Sie heute noch größere Probleme?
Klotz: Die haben wir bei Migranten und einkommensschwachen Schichten. Die ernähren sich schlechter, haben eine schlechtere Vorsorge und üben meistens Risikoberufe aus. Die ganze Vorsorge und Prävention richten sich oft an die falschen – nämlich die, die es gar nicht brauchen.

„Wir brauchen männliche Vorbilder“

Was schlagen Sie vor?
Klotz: Betriebliche Vorsorge wäre der Schlüssel, mit dem man solche Bevölkerungsgruppen erreichen kann. Am besten sollte man aber auch schon vorher in den Schulen und in den Kindergärten anfangen. Weil es sonst schwierig wird, solche Gruppen zu erreichen. Wir brauchen männliche Vorbilder. Wenn es nur Kindergärtnerinnen gibt, dann werden Jungs schnell mit ADHS diagnostiziert, obwohl ihr Bewegungsdrang etwas Gutes ist.  Wenn man den Bewegungsdrang reduziert oder beschneidet, ist das eher gesundheitsschädlich. Was früher der Zappelphilipp war, ist heute das verhaltensauffällige ADHS-Kind, das mit Medikamenten behandelt werden muss.

Werden aus Ihrer Sicht Männer systematisch benachteiligt?
Klotz: Ich hätte gerne, dass die Frauen nicht in allen Lebenslagen als das benachteiligte Geschlecht angesehen werden und Männern einfach gesagt wird, dass sie zu doof seien, sich um sich zu kümmern. Sie brauchen einen anderen Zugang. Es wird immer von der Depression der Frau geredet, aber vor allem die Männer bringen sich um – und zwar im Verhältnis vier zu eins. Wer einen stark leistungsbezogenen und getakteten Tag hat, für den sind beispielsweise Wartezeiten beim Arzt kaum zu ertragen. Das hält Männer davon ab, zum Arzt zu gehen.

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