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Gefährlicher Feinstaub

Luftverschmutzung verkürzt das Leben

Herzprobleme, Schlaganfälle, Lungenleiden: Luftverschmutzung hat schlimme Folgen für unsere Gesundheit. Es sterben mehr Leute daran als am Rauchen.

Großstädte wie Berlin haben mit Luftverschmutzung zu kämpfen. (Foto: Getty Images)

Wer zu DDR-Zeiten die Luft in Bitterfeld einatmen musste, lebte riskant. Tag für Tag schleuderten Schornsteine giftige Rauchwolken in den Himmel über der sachsen-anhaltinischen Stadt  – Überreste aus der Braunkohleverbrennung der Fabriken, die hier unter anderem PVC, Farben oder Düngemittel herstellten. Ständig waberte „englischer Nebel“ durch die Straßen. Männer starben fünf Jahre, Frauen sogar acht Jahre früher als der Durchschnitt. Das scheint lange her, doch Luftverschmutzung wird heute wieder zum Problem.

Luftverschmutzung schlimmer als Rauchen

Forscher der Universität Mainz und des Max-Planck-Instituts haben auf Grundlage von 41 Studien aus 16 Ländern errechnet, dass jedes Jahr weltweit 8,8 Millionen Menschen durch Luftverschmutzung umkommen. „Unsere Ergebnisse zeigen eine viel höhere Krankheitsbelastung durch Luftverschmutzung als bisher angenommen“, sagt Thomas Münzel, Kardiologe und Mitautor der Studie. „Als Todesursache hat sie mittlerweile selbst das Rauchen überholt.“ Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt die Zahl der Menschen, die infolge des Rauchens sterben, auf weltweit 7,2 Millionen pro Jahr.

Smog belastet damit auch die durchschnittliche Lebenserwartung inzwischen viel stärker als Tabak. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung kostet Rauchen die Deutschen im Schnitt etwa 2,2 Lebensjahre, die schlechte Luft in den Städten hingegen etwa 2,4 Jahre. Fast die Hälfte der Sterbefälle geht dabei auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle zurück, gefolgt von nichtübertragbaren Krankheiten wie Bluthochdruck und Diabetes und Atemwegserkrankungen wie Lungenkrebs und -entzündung.

Feinstaub – der unsichtbare Feind

Ein in der Luft schwebender, für das bloße Auge nicht erkennbarer Giftcocktail aus Verkehrsabgasen, Reifen- und Bremsabrieb, Rückständen aus landwirtschaftlicher Düngung und Emissionen von Kohlekraftwerken findet seinen Weg in die Blutbahn. Über den Rachen gelangen Feinstaubpartikel – meist kleiner als 2,5 Mikrometer (= 0,0025 mm) – in die Lunge, wandern über das Blut in die Blutgefäße und führen dort zu Entzündungen und Verkalkungen.

Ultrafeinstaub, mit 0,1 Mikrometer so klein wie Viren, gelingt es sogar, die Blut-Hirn-Schranke zu passieren und so zum Beispiel den Blutdruck zu steigern. „Luftverschmutzung muss endlich als eigenständiger Herz-Kreislauf-Risikofaktor anerkannt werden. Genauso wie Rauchen oder Diabetes“, fordert Kardiologe Münzel. Er  plädiert daher für mehr Elektromobilität, die Abkehr von fossilen Energien und vor allem für eine deutliche Absenkung des Feinstaubgrenzwerts.

Hohe Feinstaubgrenzwerte in Europa

Der liegt in Europa aktuell bei 25 Mikrometer pro Kubikmeter Luft. Die Weltgesundheitsorganisation hingegen empfiehlt zehn Mikrometer, was jedoch in 90 Prozent der Welt überschritten wird. „Europa plant, den Grenzwert bis 2020 auf 20 zu senken. Das ist vollkommen unzureichend“, so der Kardiologe. Nach Berechnungen seines Forscherteams ließen sich 1,5 Millionen frühzeitige Todesfälle vermeiden, würde man den Grenzwert für Feinstaub noch stärker auf höchstens zwölf Mikrometer pro Kubikzentimeter senken. „Rauchen ist eine individuelle Entscheidung, Bluthochdruck können Patienten und Ärzte beeinflussen. Dem Risikofaktor Luftverschmutzung sind wir hingegen schutzlos ausgeliefert.“ Die Politik müsse eingreifen, fordert Münzer.

In Bitterfeld ist die Luft jedenfalls heute deutlich besser: Die Kohleindustrie ist weitgehend Geschichte. Aus den Gruben des Tagebaus wurde eine Seenlandschaft.

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