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Ausstellung "100 Jahre alt werden - aber wie"

„Wir gewinnen nicht nur Lebenszeit, sondern auch gesunde Lebensjahre“

Eine Ausstellung zeigt die vielen Folgen der steigenden Lebenserwartung. Für Kuratorin Emily Lines zählt die Chance auf mehr Flexibilität zu den wichtigsten.

Emily Lines
Emily Lines ist wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Demografie-Netzwerk Population Europe und Ausstellungsmacherin (Foto: Lina Grün).

Frau Lines, ihre Ausstellung trägt den Titel „100 Jahre alt werden – aber wie?“. Da drängt sich die Frage geradezu auf: Wie denn?
Emily Lines: Es kommt in erster Linie auf einen gesunden Lebensstil an. Das heißt, nicht rauchen, wenig Alkohol trinken, sich ausgewogen ernähren und aktiv bleiben. Zugleich sollte man sich zeitlebens geistig fit halten. Das sind die Hauptfaktoren. Daneben spielt aber auch die Einstellung eine Rolle.

Inwiefern?
Lines: Wer positiv denkt, steckt die Last des Älterwerdens leichter weg und lebt länger. Deshalb hilft es, auch im Alter noch eine Aufgabe zu haben, einen Job oder ein Ehrenamt, das einem das Gefühl vermittelt, noch gebraucht zu werden. Einsamkeit führt geradewegs dazu, dass man sich ständig mit irgendwelchen Krankheiten beschäftigt. Und das ist nicht gut.

„Wir verbringen einen größeren Teil des Lebens bei relativ guter Gesundheit“

Das Risiko von Krankheiten nimmt mit dem Alter nunmal zu, was die Ausstellung auch thematisiert. Ist es denn überhaupt erstrebenswert, 100 Jahre alt zu werden?
Lines: Das Risiko von Krankheiten steigt, keine Frage. Doch auch das verschiebt sich immer weiter nach hinten. Denn wir gewinnen ja nicht nur Lebenszeit, sondern gleichzeitig auch gesunde Lebensjahre hinzu. Das heißt, wir verbringen einen größeren Teil des Lebens bei relativ guter Gesundheit. Und diese Aussicht sollte uns eher optimistisch stimmen.

Die Lebenserwartung in Deutschland hat sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts fast verdoppelt. Neugeborene Jungen werden statistisch bereits 90 Jahre alt, Mädchen gar 93. Ist ein Ende des Trends in Sicht?
Lines: Darüber sind sich die Forscher uneins. Fest steht, dass sich der Anstieg zuletzt verlangsamt hat. Wenn es aber beispielsweise gelingt, erfolgreiche Krebstherapien zu entwickeln, könnte die Lebenserwartung noch deutlich steigen. Viel hängt vom medizinischen Fortschritt ab.

Die Ausstellung beleuchtet die verschiedenen Auswirkungen des längeren Lebens, sowohl für jeden Einzelnen als auch die Gesellschaft. Was sind auch ihrer Sicht die gravierendsten?
Lines: Für mich ist es vor allem die Chance, das Leben flexibler zu gestalten. Wir können die sogenannte Rushhour, also die Zeit zwischen 30 und 50, entzerren und müssen uns dann nicht mehr so aufreiben zwischen Beruf, Familie und Freizeit. Wir könnten in dieser Phase zum Beispiel weniger arbeiten und die verlorene Zeit nachholen, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Das funktioniert aber nur, wenn zugleich die Möglichkeit besteht, länger zu arbeiten.

Sie meinen länger als bis 67, denn darauf steuern wir ja in Deutschland schon zu?
Lines: Ja. Ich denke, es sollte eher in Richtung 70 Jahre gehen.

„Wie teilen wir den Zugewinn an Lebenszeit zwischen Arbeit und Rente auf“

So etwas ist ziemlich unpopulär.
Lines: Gerade deshalb wollen wir die steigende Lebenserwartung stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken. Die Menschen müssen verstehen, dass ihnen nichts weggenommen wird, wenn sie länger arbeiten. Sondern dass es darum geht, wie wir den Zugewinn an Lebenszeit zwischen Arbeit und Rente aufteilen. Selbst bei einem späteren Renteneintritt bleibt noch viel Zeit, um zu verreisen und neue Dinge zu unternehmen. Die junge Generation geht aus meiner Sicht schon unverkrampfter mit dem Thema um: Work-Life-Balance hat für sie schon am Anfang ihres Berufslebens einen hohen Stellenwert.

Aber was ist mit denen, die mit 60 Jahren partout nicht mehr arbeiten können?
Lines: Für solche Fälle muss es Ausnahmen geben, keine Frage. Es werden aber vielleicht gar nicht so viele sein, wenn wir die Chancen verbessern, dass Ältere noch in einen neuen Beruf wechseln können. Dafür brauchen wir mehr Weiterbildungsangebote, aber auch die Bereitschaft jedes Einzelnen, lebenslang zu lernen. Auch da tickt die jüngere Generation schon etwas anders. Sie weiß, dass der Job auf Lebenszeit künftig eher die Ausnahme ist. Und das häufigere Jobwechsel und ständiges Lernen ihr Berufsleben prägen werden.


Die Ausstellung:

„100 Jahre alt werden – aber wie?“ ist eine Wanderausstellung der Max-Planck-Gesellschaft und des Netzwerks Population Europe. Anhand von Artikeln, Videos und Ratespielen erfahren Besucher die verschiedenen Facetten des Längerlebens und des demografischen Wandels. Die Schau wurde erstmals 2013 gezeigt. Nach mehr als 30 Stationen in ganz Europa ist die Ausstellung nun in den USA zu sehen.

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