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Alter in der Karikatur

„Humor ist ein Tor zum Unbewussten“

Auf dem Bild ist Franziska Polanski, Initiatorin und Kuratorin der Ausstellung „Das Alter in der Karikatur“
Dr. Franziska Polanski ist Initiatorin und Kuratorin der Ausstellung „Das Alter in der Karikatur“

Karikaturen zeigen die wahren Gefühle – auch über das Alter. Und die sind nicht so positiv, sagt Ausstellungsmacherin Franziska Polanski. 

Frau Polanski, Sie haben 2008 das Forschungsprojekt „Altersbilder in Karikaturen deutscher Zeitschriften“ gestartet, zu dem es auch eine Ausstellung gibt. Wie kamen Sie auf die Idee?
Franziska Polanski: Aufgrund meiner langjährigen Beschäftigung mit Humor und Satire. Mir geht es wie Gerhard Haderer: „Ich misstraue allen falschen Idyllen“, sagt der österreichische Großmeister der Karikatur. Ich hinterfrage die Bedeutung politisch korrekter, geradezu „idyllischer Altersbilder“, die angesichts des demografischen Wandels von Gerontologen und Politikern ganz gezielt verbreitet werden.

Welche meinen Sie?
Polanski: Da ist oft von den Potenzialen und Chancen des Alters die Rede, vom aktiven, erfolgreichen, und gesunden Altern in unserer Gesellschaft. Vom sogenannten „Humankapital“ älterer Menschen, das genutzt werden müsse. Und so weiter. Die Wirklichkeit sieht aber ganz anders aus. Schon 40-Jährige haben oft im Beruf weniger Chancen. Altersabwertung und Diskriminierung sind in vielen Bereichen an der Tagesordnung.

Studien belegen doch aber, dass sich das Altersbild positiv verändert hat.
Polanski: Die „bewussten“ Altersbilder haben sich „positiv“ verändert. Aber Sie wissen ja: Menschen sagen bewusst gerne viele schöne, politisch korrekte Dinge. Auch über das Alter. In unseren emotionalen Hinterstuben sieht es aber häufig ganz anders aus, da lagern Einstellungen und Gefühle, die man gar nicht zu haben glaubt. Diese jedoch entscheiden über das menschliche Handeln. Diese unbewussten Einstellungen und Emotionen interessierten uns in unserem Forschungsprojekt. Humor hat viel mit ihnen zu tun.

Karikaturen fördern unbewusste Einstellungen und Emotionen zutage.“

Sie sagen, Karikaturen legen unbewusste Altersbilder frei.
Polanski: Richtig. Der Humor ist ein Tor zum Unbewussten. Er entzieht sich der rationalen Kontrolle. Deswegen kann man zum Beispiel auch weit „unter seinem Niveau“ lachen. Karikaturen fördern unbewusste Einstellungen und Emotionen zutage. Das macht sie für die Altersforschung so interessant. Bei unserem Forschungsprojekt stellten wir die Hypothese auf, dass die unbewussten Altersbilder, die sich in Karikaturen offenbaren, weit negativer sind als die bewussten. Das könnte dazu beitragen, die bestehende Altersdiskriminierung zu erklären.

Und sehen Sie sich bestätigt?
Polanski: Ja. Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich die unbewussten Altersbilder in den letzten 50 Jahren kaum „zum Positiven“ gewandelt haben. Im Gegenteil: Alte Menschen – und hierbei handelt es sich zu mehr als 90 Prozent um sogenannte „junge Alte“ von 60 bis 80 Jahren – werden in Karikaturen der Gegenwart sogar signifikant häufiger durch körperliche Gebrechen und mangelnde ästhetische Attraktivität charakterisiert als in den 1960er-Jahren.

Einige Karikaturen stellen die heutigen Rentner als Fitness-Junkies oder Computer-Nerds dar. Das ist doch schon neu.
Polanski: Natürlich gibt es vereinzelt neue Altersbilder. Wenn man aber genauer hinschaut, werden häufig nur die herkömmlichen „gebrechlichen Alten“ vor eine neue Kulisse gestellt. Ein wirklicher Stereotypen-Wandel ist, was das Alter betrifft, in den untersuchten Karikaturen – und damit im individuellen und kollektiven Unbewussten – nicht zu erkennen.

Altersleiden wie Demenz werden auch öffentlich diskutiert. Kommen solche Themen Ihrer Ansicht nach zu kurz?
Polanski: Freilich wird viel über das Thema diskutiert, Karikaturen ergänzen aber meiner Ansicht nach die Debatte in einer wichtigen Hinsicht: Sie beschäftigen sich mit Gefühlen, die Menschen tief im Innersten bewegen. Mit Ängsten, Ratlosigkeit, vielleicht auch abwehrenden Haltungen, die in anderer Form schwer zu artikulieren sind, weil sie tabuisiert sind.

Wie fällt eigentlich die Reaktion der Karikierten auf das gezeichnete Fremdbild aus?
Polanski: Sie reagieren vor allem mit viel Gelächter. Menschen lachen über Dinge, die sie emotional bewegen, die sie aber häufig nicht artikulieren können, weil sie sozial unerwünscht sind, zum Beispiel Ängste vor dem Alter, vor der Vergänglichkeit. Offensichtlich kommt die Beschäftigung mit diesen Sorgen und existentiellen Fragen in unserer Gesellschaft zu kurz. Die Ausstellung hat auch das Ziel, diese Themen intensiver in den Altersdiskurs einzubeziehen. Natürlich indirekt, über den Humor.

Was können wir alle aus der Ausstellung lernen?
Polanski: Dass es im Altersdiskurs keine Denkverbote geben darf. Vor allem aber, dass der Altersdiskurs auch ein Wertediskurs über die Würde des menschlichen Lebens insgesamt sein muss. Was anfangen mit dem Alter, mit dem Menschen überhaupt in einer Zeit, in der die religiösen Bindungen wegbrechen und sich mit dem Lebensende keinerlei Sinn und Hoffnung auf ein Danach verbindet? Das ist eine der zentralen Fragen, die hinter diesen Bildern steht. Die Ausstellung lädt auf eine höchst angenehme Weise zum Nachdenken über das Alter ein. Es besteht aber kein Zwang zur Reflexion, man darf auch einfach nur lachen. Auch das kann man „von der Ausstellung lernen“.

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