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Frauen und Altersvorsorge

„Lieber heute unromantisch als später arm“

Seit über 30 Jahren berät Helma Sick Frauen in Sachen Altersvorsorge. Dass sich manche von ihnen dabei noch immer auf ihren Mann verlassen, ist für die Finanzexpertin unbegreiflich.

Finanzexpertin Helma Sick. Copyright: Quirin Leppert

Frau Sick, bei den ersten Dates gehen Frauen nicht selten davon aus, dass der Mann die Rechnung bezahlt. Können Sie das nachvollziehen?
Helma Sick: Nein, absolut nicht. Das ist Verhalten aus den 50er Jahren. Es entsetzt mich, wenn „moderne“ junge Frauen so eine verzopfte Erwartungshaltung haben. Wenn zwei Menschen sich kennenlernen, finde ich es vollkommen normal, dass jeder für sich bezahlt. Wird daraus etwas Festes, kann vereinbart werden, wer bezahlt – mal ER, mal SIE. In finanziellen Dingen gleichberechtigt zu sein, gehört schon an den Anfang einer Beziehung.

Auch über Geld zu reden?
Sick: Natürlich, das muss Gesprächsstoff sein.

Aber das ist doch irgendwie unromantisch.
Sick: Geht es denn in einer Beziehung immer nur um Romantik? Nein, es geht auch um Geld. Vor allem das Thema Altersvorsorge sollte auf den Tisch, solange die Liebe noch jung ist. Bevor geheiratet wird, das erste Kind kommt, die Eltern pflegebedürftig werden. Noch immer ist es die Regel, dass dann die Frau für einige Zeit aus dem Erwerbsleben aussteigt. Aber warum wird von Frauen erwartet, dass sie Gehalts- und damit Renteneinbußen einfach so hinnehmen? Würde das ein Mann auch tun? Meine Erfahrung ist, dass Frauen im Fall von Trennung, Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Tod des Partners oft mit dem Rücken zur Wand stehen, wenn über diese Dinge nicht rechtzeitig gesprochen wird.

Können Sie uns dazu Beispiele aus ihrer täglichen Beraterpraxis schildern?
Sick: Nadine (42) hat studiert, aber nur wenige Jahre gearbeitet. Dann lernte sie den viel älteren Thomas kennen, mit dem sie nun seit zwölf Jahren verheiratet ist. Sie meint, dass sie keine Altersversorgung braucht, weil sie über ihren gutverdienenden Mann abgesichert ist. Sollte es doch einmal zur Scheidung kommen, könnte sie ja auf den Versorgungsausgleich bauen. Nadine denkt nicht daran, dass Thomas in erster Ehe 27 Jahre lang verheiratet war, dass also ein größerer Teil seiner Rente der ersten Frau zusteht, ebenso wie das Vermögen, das während dieser 27 Ehejahre entstand.

Oder Gerlinde (58). Sie hat zwei Kinder großgezogen, um ihrem Mann den Rücken freizuhalten, war sie nur in Teilzeit erwerbstätig. Ihre eigene Rente ist nicht der Rede wert. Sie ist also auf ihren Mann und auf den Fortbestand der Ehe angewiesen, obwohl es heftig in der Beziehung kriselt.

„Viele Frauen stellen die Weichen falsch“

Heißt das, Frauen sind, wenn ihnen Altersarmut droht, auch ein Stück weit selbst schuld?
Sick: Ja, das Thema ist bei vielen Frauen hausgemacht. Wohlgemerkt nicht bei Geringverdienerinnen und Alleinerziehenden. Diese müssen meist arbeiten, weil sie sich sonst das teure Leben gar nicht leisten könnten. Nein, das Problem, das ich sehe, betrifft vorrangig gut ausgebildete Frauen, die sich nach Studium oder qualifizierter Ausbildung freiwillig für viele Jahre ganz auf die Familie konzentrieren – und damit wieder ein Leben wählen wie ihre Mütter und Großmütter. Wer aber lange nicht oder nur in Teilzeit arbeitet, der hat ein echtes Altersvorsorge-Problem. Viele Frauen stellen die Weichen in ihrem Leben falsch – und wissen oft gar nicht, dass sie einmal von Altersarmut betroffen sein werden.

Was sollten Frauen also tun?
Sick: Ich fände es äußerst wünschenswert, wenn jede Frau, die mit ihrem Partner über Familienplanung spricht, erst einmal zur Deutschen Rentenversicherung geht und sich ausrechnen lässt, was ein längerer Ausstieg aus dem Beruf sie letztendlich an Rente kostet. Dann sollte ein Ehevertrag – bei Unverheirateten ein Partnerschaftsvertrag – aufgesetzt werden, der regelt, wie ihr Engagement ausgeglichen wird. Mein inständiger Rat: Seien Sie lieber heute unromantisch als später arm.

Darüber hinaus haben viele Frauen noch nicht verinnerlicht, dass das Thema Altersvorsorge jeder eigenständig für sich lösen muss. Die gesetzliche Rentenversicherung allein wird aber nicht reichen, um im Alter sorgenfrei leben zu können. Deshalb muss schon in jungen Jahren mit dem Sparen begonnen werden. Das in die eigenen Hände zu nehmen, gehört zur finanziellen Emanzipation.

„An jeder Ecke ein Nagel-Studio“

Wie unterscheiden sich hier Männer und Frauen?
Sick: Männer fangen in der Regel schon mit Anfang 20 an zu sparen, Frauen meist erst mit Mitte 30 oder sogar später. Sie verzichten dadurch auf viele Jahre, in denen ihr Geld für sie arbeiten könnte.

Warum ist das so?
Sick: Weil Männer schon mit der Muttermilch eingesogen haben, dass sie für sich selbst verantwortlich sind. Dass Frauen sich nicht gern mit Geld befassen, hat eine lange Tradition. Sie waren zwar immer schon für das „kleine Geld“, also das Haushaltsgeld, zuständig. Das „große Geld“ aber, die Bereiche Handel, Finanzen, Wirtschaft, waren und sind noch immer Domänen der Männer. Das hat Spuren hinterlassen – bis heute. Andererseits vermute ich aber auch, dass einige Frauen die untergeordnete Rolle gern akzeptieren. Um Anstrengungen aus dem Weg zu gehen.

Frauen sind also zu bequem, um sich mit finanziellen Dingen zu beschäftigen?
Sick: Wenn ich sehe, dass es an jeder Ecke in einer Großstadt ein Nagel- oder ein Waxing-Studio gibt oder junge Frauen schon Anti-Aging-Produkte kaufen, dann bezweifle ich jedenfalls, dass alle Frauen zu wenig Geld haben. Sie müssten einfach ihre Prioritäten anders setzen. Eine junge Frau kann schon mit 25 Euro im Monat anfangen, Vermögen zu bilden. Sie muss das natürlich dann im Laufe der Jahre ausbauen. Es ist gar nicht so kompliziert, man muss es aber in Angriff nehmen und seinen Verstand einschalten.

Wie sind Sie denn persönlich das Thema Altersvorsorge angegangen?
Sick: Ich habe früh angefangen zu sparen und durch lange Jahre als Angestellte eine ordentliche gesetzliche Rente erwirtschaftet. Über private Rentenversicherungen und Aktienfonds habe ich ein schönes Polster aufgebaut, von dem ich heute profitiere. Mir war immer wichtig, nicht abhängig zu sein, sondern mein Leben selbst bestimmen zu können.

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