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Rentendebatte

„Es gibt in Deutschland eine Kultur des frühen Ruhestands“

Die Menschen sollten länger arbeiten, fordert der Journalist Alexander Hagelüken. Jeder Einzelne profitiere – und das fragile Rentensystem werde so gestützt.

Alexander Hagelüken
Alexander Hagelüken ist als Leitender Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung zuständig für Wirtschaftspolitik (Foto: Catherina Hess)

Herr Hagelüken, Sie sind 51 Jahre alt. Haben Sie sich schon überlegt, wie lange sie arbeiten wollen?
Alexander Hagelüken: Noch nicht genau. Aber ich denke, dass ich keine Lust haben werde, schon mit Mitte 60 aufzuhören.

Die meisten Deutschen ticken anders. Sie würden am liebsten noch vor 65 in Rente gehen.
Hagelüken: Es gibt in Deutschland eine Kultur des frühen Ruhestands, die sich spätestens Ende der 1970er-Jahre entwickelt hat. Als damals die Konjunktur schwächelte, wurden etliche Arbeitnehmer mit Mitte 50 in Rente geschickt, um ihre Jobs für Jüngere freizumachen. Damit hat man in den Köpfen das Gefühl geschaffen, dass der Ruhestand ein Besitzstand ist. Je früher er beginnt, desto besser.

„Viele soziale Kontakte hängen an der Arbeit. Sie bietet Wertschätzung und Sinnerfahrung.“

Ist das nicht nachvollziehbar?
Hagelüken: Ja, nur die Leute machen sich oft keine Gedanken darüber, was sie eigentlich später machen wollen und was es bedeutet, wenn sich der Alltag durch Ruhestand von heute auf morgen ändert. Viele soziale Kontakte hängen an der Arbeit, sie bietet Wertschätzung und Sinnerfahrung. Das hält lebendig. Die körperlich schwere, schmutzige Arbeit wird ohnehin weniger. Es gibt immer mehr Menschen, die sich mit ihrem Job identifizieren und die es nicht so toll finden, dass ihnen jemand vorschreibt, wann sie aufhören sollen. Sie empfinden längeres Arbeiten nicht als neoliberale Ausbeutung, sondern als ein Weg zu einem zufriedenen Leben.

In ihrem Buch kommen viele dieser Menschen zu Wort. Die öffentliche Debatte wird aber noch immer vom Bild des gebrechlichen Alten geprägt. Warum?
Hagelüken: Perzeptionen brauchen lange, ehe sie sich ändern. Menschen haben noch oft das Bild vor Augen, dass wenn jemand das Rentenalter erreicht, er kaputt ist und den Ruhestand gerade noch so erlebt. Das galt zu Bismarcks Zeiten. Seitdem ist die Lebenserwartung aber deutlich gestiegen, auch die generelle Fitness hat zugenommen. Ein bisschen spielt wohl auch das Besitzstandsdenken eine Rolle – wie beim freien Sonntag. Alles andere als ein früher Ruhestand gilt als Zumutung. Das ist das aktuell herrschende Klischee.

„Die Wählerschaft hat sich verändert.“

Das auch Politiker regelmäßig bedienen, wenn sie auf den Dachdecker verweisen, der mit 65 keine Ziegel mehr schleppen kann.
Hagelüken: Insbesondere bei der SPD dominiert noch der Blick auf den klassischen Arbeiter am Band oder den Maurer, den man schützen muss. Die können und sollen auch wirklich nicht länger arbeiten, aber sie sind eine Minderheit. Wenn Sie aber mit Politikern von Union oder FDP sprechen, zeigen sie oft Sympathien für eine Anhebung des Renteneintrittsalters. Die generelle Linie in der Union ist aber, dass es auf keinen Fall dazu kommen darf, weil dies von den Leuten als Sozialkürzung verstanden wird. Wenn man sich mit Experten unterhält, führt aber eigentlich kein Weg daran vorbei. Denn in den nächsten 15 bis 20 Jahren gehen die Babyboomer in den Ruhestand, und das stellt Rentensystem vor riesige Herausforderungen.

Diese beschreiben Sie in ihrem Buch ausführlich. Warum schiebt die Große Koalition eine Reform dennoch auf und bürdet der Rentenkasse stattdessen noch mehr Ausgaben auf, etwa mit der Rente mit 63?
Hagelüken: Die Wählerschaft hat sich verändert. Als Gerhard Schröder die große Rentenreform zur Jahrtausendwende durchsetzte, hatte die Generation bis 45 noch die deutliche Mehrheit. Inzwischen machen die Rentner und rentennahen Jahrgänge fast die Hälfte der Wähler aus. Die Volksparteien haben das Gefühl, dass da eine Klientel ist, die sie mit Wohltaten gezielt für sich gewinnen können. Wenn man sich die Ergebnisse bei den bayerischen Landtagswahlen anschaut, sieht man, dass CSU und SPD in fast allen Altersgruppen verloren haben. Nur nicht in einer. Das waren die Senioren. Dies erklärt die große Zurückhaltung vor unpopulären Schritten, was schade ist. Wir brauchen jetzt die Debatte, wie wir das System zukunftssicher gestalten.

„Die Politik müsste die Wohltaten der letzten Jahre zurücknehmen.“

Was müsste denn passieren?
Hagelüken: Wir brauchen ein Gesamtkonzept aus mehreren Elementen. Wir werden einerseits nicht umhinkommen, die Steuerzuschüsse und die Beiträge für die Rente anzuheben. Bei den Steuern sollte man die Bemessungsgrundlage verbreitern, um nicht nur die Arbeitnehmer zu schröpfen. Firmenerben kommen zum Beispiel relativ ungeschoren davon. Um mehr Finanzierungsspielraum zu haben, ließe sich das Rentenniveau noch etwas reduzieren. Und die Politik müsste die Wohltaten der letzten Jahre zurücknehmen, Stichwort „Rente mit 63“. Und schließlich sollte das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung gekoppelt werden. So käme man bis 2040 auf einen Anstieg auf 68 Jahre – verbunden mit der Freiheit, mit gewissen Abschlägen früher auszusteigen.

Was ist mit denen, die partout mit 65 nicht mehr arbeiten können?
Hagelüken: Um die muss man sich gesondert kümmern, besser als bisher, wo Erwerbsgeminderte ein hohes Armutsrisiko haben. Wir brauchen generell eine vorausschauende Rentenpolitik, die verhindert, dass bestimmte Gruppen zu wenig für das Alter tun können, ob das selbstständige Einzelkämpfer sind oder alleinerziehende Mütter. Altersarmut verhindert man in diesen Fällen aber nicht mit der Gießkanne.


Lasst uns länger arbeiten!

Der Journalist Alexander Hagelüken, Jahrgang 1968, mischt sich mit einem provokativen Buch in die Rentendebatte ein. Er sagt: Wir leben länger, bleiben länger fit und arbeiten immer weniger körperlich. Und deshalb sollten wir auch länger arbeiten. Davon profitiert nicht nur jeder Einzelne, sondern auch das Rentensystem. Denn so wie es jetzt aufgebaut ist, funktioniert es nicht auf Dauer. Das Buch ist im Droemer-Verlag erschienen und kostet 16,99 Euro.

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