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Fasten

Der Wechsel zwischen Hunger und Sättigung

Du bist was du isst oder auch wie lange du nicht isst. Chefarzt und Buchautor Andreas Michalsen über das Fasten und die positive Wirkung auf den Körper. 

„70 Prozent aller chronischen Erkrankungen haben ihre Ursache auch in falscher Ernährung“, sagt Prof. Dr. Andreas Michalsen, Chefarzt am Immanuel Krankenhaus Berlin.

Herr Dr. Michalsen, haben Sie heute schon was gegessen?

Dr. Andreas Michalsen: Ich habe heute bis 13 Uhr gefastet und dann etwas gegessen.

Fasten Sie täglich?

Michalsen: Im Schnitt faste ich an fünf von sieben Tagen. Ich mache das Intervallfasten nach der 16:8-Methode. Häufig mache ich es so, dass ich morgens nur Kaffee trinke und dann zu Mittag esse. Ich stresse mich da aber nicht. Wenn ich am Wochenende zum Beispiel zum Brunchen eingeladen bin, unterjoche ich nicht alles dem Fasten.

16:8 heißt: 16 Stunden fasten und an acht Stunden essen. Woher kommt diese Einteilung?

Michalsen: Diese Zeitspanne haben Wissenschaftler in Studien herausgefunden. Grund für die Pause ist unter anderem die sogenannte Autophagie, bei der sich die Zelle von alten Proteinen und von Zellmüll reinigt. Eine Art Recycling also, das vor allem beim Fasten passiert. Dieser Reinigungsprozess beginnt bei den meisten Organismen nach zehn bis zwölf Stunden. Ähnlich ist es mit den Ketonkörpern: Das ist beim Fasten der Ersatzbrennsoff fürs Gehirn, dem eine entzündungshemmende Wirkung zugeschrieben wird. Der setzt nach zwölf bis 14 Stunden ein. Daher ist man mit den 16 Stunden auf der sicheren Seite, wobei Frauen wahrscheinlich weniger brauchen. Bei ihnen reichen 14 Stunden aus, weil die Zuckervorratsspeicherung in der Leber weniger lange und weniger stark ausgeprägt ist.

„Für mich hat das nichts mit Aushalten zu tun.“

Gibt es neben der 16:8-Methode noch eine andere Art zu fasten?

Michalsen: Grundsätzlich gibt es zwei Methoden: das Intervallfasten und das Heilfasten. Die häufigste Fastenform ist das Intervallfasten mit der 16:8-Methode.

Zur Therapie einer Krankheit eignet sich vor allem das Heilfasten über 10 oder 14 Tage, in Ausnahmefällen sogar bis zu 28 Tagen. Wichtig ist aber: Keine Nulldiät machen, sonst werden Muskeln abgebaut. In kleinen Mengen ist Saft und Nahrung erlaubt, das ist besser als das reine Wasser- oder Teefasten.
Zu beachten ist noch: Menschen, die bereits Probleme mit dem Essen hatten, etwa eine Essstörung, sollten nicht fasten. Die Essstörung könnte dadurch wieder ausgelöst werden.

Als Arzt haben Sie einen stressigen Alltag, wie halten Sie da den Hunger aus? 

Michalsen: In der Anfangsphase muss sich der Körper an das Fasten gewöhnen. Das dauert so drei, vier Wochen. Wenn diese Phase überstanden ist, fühlt man sich eigentlich mental und körperlich fitter. Für mich hat das nichts mit Aushalten zu tun.

Wie ist das medizinisch zu erklären?

Michalsen: Da ist noch nicht alles restlos aufgeklärt. Aber unsere gesamten molekularen Strukturen, alle Zellen, die genetische Programmierung, sind eigentlich darauf ausgerichtet, nicht dauernd Nahrung aufzunehmen. Bei unseren Urahnen war es so, dass man mal Essbares gefunden hat und mal nicht. Also ist unser Körperprogramm am besten vorbereitet und am besten geeignet für einen Wechsel von Hunger und Sättigung. Jetzt haben wir aber die zivilisatorische Errungenschaft, dass der Kühlschrank immer voll und der Supermarkt durchgehend geöffnet ist und wir ständig essen können. Dafür ist unser biologisches Programm eigentlich gar nicht gebaut. Und wenn wir jetzt fasten, egal ob 16 Stunden oder mehrere Tage, dann machen wir etwas für die Werkseinstellung unseres Körpers. Mehrere wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass dadurch der Blutzuckerspiegel, der Blutdruck und der Cholesterinspiegel sinken. Der Körper nimmt das also sehr positiv auf.

Welche Fehler kann man beim Fasten machen?

Michalsen: Der richtige Anfang und das richtige Ende sind entscheidend. Es ist nicht gut, nach Weihnachten mit Fasten zu beginnen, nachdem man zuvor einen Gänsebraten gegessen hat. Das würde man nicht gut vertragen. Denn beim Fasten stellt der Darm seine Tätigkeit zum Teil ein und dann würde dort das schwer verdauliche Fleisch vor sich hin gammeln und faulen. Die Vorbereitungstage sind daher genauso wichtig wie das anschließende Fastenbrechen. Damit nach dem Fasten kein Jo-Jo-Effekt einsetzt, ist der Ernährungswiederaufbau ausschlaggebend. Wer zum Beispiel sofort eine Salamipizza und Sachertorte isst, macht die positiven Effekte zunichte.

„Gewichtsabnahme ist dabei nur ein willkommener Nebeneffekt.“

Sollte nur unter ärztlicher Anleitung gefastet werden?

Michalsen: Wer gesund ist, kann auch auf eigene Faust fasten. Wer krank ist, sollte sich zumindest beim ersten Mal fachlich begleiten lassen. Und am besten einen Fastenarzt oder eine Fastenklinik aufsuchen.

Warum sollten gesunde Menschen überhaupt fasten?

Michalsen: Es geht dabei auch ganz stark um eine präventive Wirkung. Der Übergang zu einer Erkrankung ist häufig fließend. Es kann beispielsweise sein, dass der Blutdruck schon ein bisschen erhöht ist. Das Fasten kann vorbeugend wirken, damit aus dem leicht erhöhten Blutdruck keine Krankheit entsteht.

Die Gewichtsabnahme spielt keine Rolle?

Michalsen: Beim Heilfasten steht das Abnehmen nicht im Fokus. Es geht, wie das Wort schon sagt, um das Therapieren, zum Beispiel von Bluthochdruck, Diabetes oder Rheuma. Die Gewichtsabnahme ist dabei nur ein willkommener Nebeneffekt. Das Intervallfasten ist, mit Blick auf die Studienlage, eine sehr gute Methode zum Abnehmen.

„Eine Diät halten die meisten Menschen einfach nicht lange durch.“

Welchen Vorteil hat das Intervallfasten dabei gegenüber einer herkömmlichen Diät?

Michalsen: Eine Diät halten die meisten Menschen einfach nicht lange durch. Das Intervallfasten ist psychologisch gesehen vorteilhafter, weil viele besser durchhalten. Zusätzlich kommt dann noch diese präventive, vorbeugende Wirkung für den Körper hinzu.

Und wie wirkt sich das Fasten auf die Lebenserwartung aus?

Michalsen: Die bisherige experimentelle Forschung konnte für alle Lebewesen, ganz gleich ob Backhefe oder Kaninchen, nachweisen: Wenn Tiere oder Zellen ähnlich wie beim Fasten nicht ständig Futter bekommen, leben sie im Schnitt zwischen 15 und 30 Prozent länger. Sie bekommen auch weniger Alterserkrankungen wie Arthrose, Diabetes oder einen Schlaganfall. Die Vermutung liegt nahe, dass es beim Menschen ähnlich ist. Ob der Mensch jetzt mit dem Fasten 120 Jahre alt wird, kann man heute noch nicht sagen, aber die Vorbeugung der Alterserkrankungen kann nachgewiesen werden.


Mit Ernährung Heilen

Andreas Michalsen, Chefarzt für Naturheilkunde am Immanuel Krankenhaus Berlin und Professor der Charite´Berlin, schreibt auf dem neuesten Stand der Forschung über gesunde Ernährung, Heilfasten und Intervallfasten. Dabei verbindet er die Fakten mit dem Wissen aus seiner langjährigen Erfahrung und möchte ein neues Bewusstsein für eine gesunde Ernährung und einfaches Fasten schaffen. Für ihn gehören gesundes Essen und Fasten zusammen und sind in der Vorbeugung und Behandlung von chronischen Erkrankungen hochwirksam.  Mehr >>

 

 

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