x

Klicken Sie hier, um das Menü zu öffnen.

Altersbilder in der Bibel

„Alter, Würde und Verantwortung sind ganz eng verbunden“

Die biblischen Texte bringen älteren Menschen eine hohe Wertschätzung entgegen, sagt Pastor Benjamin Simon-Hinkelmann. Sie lassen sich gar als Generationenvertrag deuten.

Benjamin, Simon-Hinkelmann, Mitarbeiter im Landeskirchenamt
Pastor Benjamin Simon-Hinkelmann arbeitet als Pressesprecher bei der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers.

Herr Simon-Hinkelmann, wenn ein Mensch sehr alt wird, spricht man von einem „biblischen Alter“. Welche Rekorde in Sachen Lebenserwartung werden denn in der Bibel aufgestellt?
Simon-Hinkelmann: Vielen prägenden Figuren im Alten Testament wird ein sehr hohes Alter zugeschrieben. Dies drückt eine besondere Wertschätzung aus und soll betonen, wie außergewöhnlich ihre Taten waren. So wurde Adam in der Schöpfungsgeschichte 960 Jahre alt, Methusalem, der älteste Mann der Bibel, sogar 969. Dessen Sohn Lamech starb mit 777 Jahren vergleichsweise jung. Diese Altersangaben sind natürlich symbolisch zu verstehen, da die Lebenserwartung vor über 2.500 Jahren, als viele der Texte des Alten Testaments aufgeschrieben wurden, wesentlich geringer war als heute. Viele biblische Geschichten beschreiben eine Zeit, die auch für die Autoren der biblischen Bücher schon weit zurückliegt. Sie wird ein Stück idealisiert als eine Zeit, in der das menschliche Leben noch viel weniger an physische Grenzen stieß als zu Lebzeiten der biblischen Autoren.

Wie verändert sich das im Verlauf der Bibel? Stellt Gott selbst eine Begrenzung der menschlichen Lebenserwartung auf?
Simon-Hinkelmann: Ja, noch vor der Sintflut begrenzte Gott das menschliche Leben auf 120 Jahre und begründet es mit den Worten: „Mein Geist soll nicht immerdar im Menschen walten, denn auch der Mensch ist Fleisch“ (1. Mose 6,3). In Psalm 90 wird dann eine Lebensspanne genannt, die vielleicht am ehesten unserer heutigen Erfahrung entspricht: „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn‘s hoch kommt, so wird‘s achtzig Jahre …“ (Psalm 90,10). Letztlich steht dahinter die Erkenntnis, dass das Leben endlich ist und es physische Grenzen gibt, die wir als Menschen auch im 21. Jahrhundert akzeptieren müssen.

Wird das Alter in der Bibel dabei als Segen oder Last dargestellt?
Simon-Hinkelmann: Die biblischen Texte zeichnen ein realistisches Bild. Sie schildern auf der einen Seite die Beschwerden des Alters, wie die Sinne und Kräfte schwächer werden (Prediger 12,1–7). Auf der anderen Seite begegnen uns aber auch immer wieder biblische Figuren, die sich bis ins hohe Alter ihren Lebensmut nicht nehmen lassen und eine herausgehobene Verantwortung für ihr Volk übernehmen.

„Ob jemand noch etwas zu leisten vermag, lässt sich nicht einfach an der Zahl der Lebensjahre ablesen.“

Zum Beispiel?
Simon-Hinkelmann: Etwa Mose, über den berichtet wird: „Mose war Hundertzwanzig Jahre alt, als er starb. Seine Augen waren nicht schwach geworden und seine Kraft war nicht verfallen“ (5. Mose 34,7). Bis zuletzt lenkte er die Geschicke seines Volkes. Oder Abraham, der schon 75 Jahre alt ist, als er auf Geheiß Gottes aus seinem Vaterland auszieht, womit seine biblische „Karriere“ überhaupt erst beginnt. Auch die Prophetin Hannah leistet im Alter Bedeutsames: Hochbetagt und laut dem Evangelisten Lukas „an die vierundachtzig Jahre“ (Lukas 2,37) verkündet sie als eine der Ersten die Erlösung durch das Jesuskind (Lukas 2,38).

Bestimmte Leistungen und Fähigkeiten sind in der Bibel also nicht unbedingt nur den Jungen vorbehalten?
Simon-Hinkelmann: Sehr interessant ist, dass es in den biblischen Erzählungen nirgends Angaben über ein konkretes Alter gibt, das Voraussetzung wäre für das Übernehmen einer hervorgehobenen Rolle. Ob jemand noch etwas zu leisten vermag, lässt sich demnach nicht einfach an der Zahl der Lebensjahre ablesen – in der Bibel so wenig wie heute. Auch ältere biblische Figuren tragen ganz selbstverständlich Verantwortung für das Gemeinwesen, für ihre Stadt oder ihren Stamm. Alter, Würde und Verantwortung sind ganz eng verbunden.

Was können wir heute von den Altersbildern der Bibel lernen?
Simon-Hinkelmann: Die biblischen Texte schildern die Mühen des Alters, aber sie bringen älteren Menschen auch eine hohe Wertschätzung entgegen. Es gibt eine ganze Reihe von rechtlichen Vereinbarungen in den biblischen Geschichten, die wir heute vielleicht als Generationenvertrag bezeichnen würden. Es geht um Solidarität zwischen Jung und Alt, um das Angewiesensein aufeinander, darum, voneinander zu lernen. Im Buch Jesaja verspricht Gott uns Menschen: „Bis in euer Alter bin ich derselbe, und ich will euch tragen, bis ihr grau werdet.“ (Jesaja 46,3+4). Da wird ganz deutlich: Leben hat in allen Phasen einen unschätzbaren Wert und eine unantastbare Würde.

 

zurück zur Übersicht
down-arrow